Mittelstreifen

Auf dem Berliner Tauentzien1 hat man den Mittelstreifen neu gestaltet, weil der darunterliegende U-Bahn-Schacht eine neue Decke brauchte. Ein guter Grund also, diesen Hotspot des Konsums in der City-West ein wenig aufzupolieren.
Dort, wo früher Rondells mit bunten Blumen der Saison die Augen der Flaneure erfreuten und drumherum nachlässig gemähte Rasenflächen den Spatzen als Nahrungstrittsteine zwischen Zoo, Los-Angeles-Platz und Gerhart-Hauptmann-Anlage dienten, gibt es jetzt geometrische Strukturen aus Stein, in denen Eiben aus einer Schotterschicht herauswachsen, ausschließlich Eiben - sonst nichts.
Die Gartenlandschaftsgestaltung befindet sich derzeit offensichtlich in einer Sackgasse. Ging es früher darum, Natur zu imitieren (gerne auch ein wenig künstlerisch überhöht - wir sind ja schließlich als ehemalige Savannenbewohner auf Parklandschaften abonniert) und gegebenenfalls durch das Natursurrogat ein paar Sichtachsen zu ziehen, werden heute nur noch Achsen in die Gegend gefräst, um die herum keine Landschaft mehr existiert.
Alles ist total stylish, d.h. eckig, und gleichzeitig total pflegeunaufwendig2, wegen der nachfolgenden Arbeitskräfteersparnis2.
Spatz sein, macht heute echt keinen Spaß mehr.

Ihr
Carsten SchöneBerlin, den 01.03.2013



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1Es heißt keinesfalls "Auf der Tauentzien", auch wenn es eine Straße ist, wir sind schließlich nicht in Düsseldorf, das durch Weglassung zweier Punkte ziemlich gut charakterisiert wird, weil es ja wohl mit keinerlei menschlicher Vernunft zu ermessen ist, warum man für ein Carpaccio in einem pseudo-italienischen Restaurant 23,90 Euro zahlen soll, der Aquazoo von dem ganzen, durchs Modebusiness verursachten Hype in seiner Stadt aber derartig wenig profitiert.
2Aus Sparerwägungen werden bundesweit auch regelmäßig ein paar öffentliche Wildgehege platt gemacht, wie jetzt in der Berliner Jungfernheide: Wieder ein Stück Naturentfremdung mehr für Großstadtkinder, nicht zuletzt, weil man den Kolkraben, der hier begeisternder Weise mitten in der Stadt residiert und von der Wildschweinfütterung profitierte, künftig auch nicht mehr so unmittelbar erleben wird. Armes Deutschland! Und das ist nicht monetär gemeint, denn Geld, das man hirnlos verschleudern kann, ist ja offensichtlich zur Genüge vorhanden, in diesem Staat.

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