Wisente

Eigentlich dürfte ich diesen Text erst morgen verfassen, ist doch heute der 1. Mai, der mich aus Solidarität mit dem internationalen Proletariat, dem ich qua Eingruppierung eines meiner Nebenjobs bei der Rentenversicherung angehöre, Jahr für Jahr dazu veranlasst, die Maurerkelle an diesem Tag liegen zu lassen.
Nun sind mir aber bis heute ein paar Themen über den Weg gelaufen, die beackert werden wollen, und Bauern sind keine Arbeiter, und meine Tastatur ist nicht das Werkzeug des Arbeiters, und ob Sie morgen noch wissen, ob heute dann gestern war, ist wahrscheinlich auch unwichtig und ...

... vielleicht singe ich ein paar Arbeiterlieder, nachdem ich den Text hier verfasst habe.
Sie müssen sie nicht hören - ich habe ein weniger schlechtes Gewissen, also, sei's drum:

Haben Sie die Fernsehtalkshow „Hart aber fair“ am Montag, den 29.04.2013 in der ARD gesehen?
Thema war „Tier oder wir - wie viel Natur erträgt der Mensch?“ und im Untertitel hieß es: „Wölfe im Wald, Wildschweine im Vorgarten und bald auch Bären in Bayern - ertragen wir das? Oder wollen wir wilde Tiere nur im Zoo?“
Anlass war eine rückblickende Dokumentation zum Braunbären Bruno (dessen eigentlicher Vorname JJ1 mir viel besser gefällt), dem die Einwanderung nach Deutschland vom Problem-Stoiber verweigert wurde.
Die Doku war viel sachlicher, als ich sie hier gerade beschreibe, und sie war in Bezug auf die Darstellung dessen, wie es in anderen Ländern mit dem Zusammenleben von Bären und Menschen klappt, höchst informativ.
Die Schlussfolgerung, dass Deutschland bei diesem Einwanderungsversuch kolossal versagt hat, weil keine Präventivmaßnahmen ergriffen wurden, wurde für meinen Geschmack allerdings nicht deutlich genug herausgestellt.
In der anschließenden Diskussion bei Frank Plasberg gab sich der in Italien geboren und lebende Reinhold Messner zum wiederholten Male deutscher, als der ADAC erlaubt. Die Angst vor einem Autounfall mit einem wilden Tier, ergänzt um den Frust über einen seiner, von einem Bären gerissenen Yaks, der in keiner Statistik auftauche, verbunden mit dem Wunsch, Tiere sollen nur da leben, wo ihr Habitat ist, ließ die Frage offen, ob nicht das Tier, das nicht hinter Zäunen lebt, selbst entscheiden dürfe, wo sein Habitat ist.
Reinhold Messner sind sogar die Stadtfüchse ein Graus. Das verstehe, wer will, aber wenn der Fuchs Bock auf Stadt hat, warum um alles in der Welt soll ich ihn da fernhalten? Ich lebe da auch! Und wie ganz richtig entgegnet wurde: Ob ich nun mit einem Rothirschen kollidiere oder mit einem Bären, das interessiert den Airbag dann auch nicht mehr.

Wer gar nicht vorkam, in dieser Diskussion, das war der Wisent. Der lebt nämlich seit 11. April 2013 wieder komplett frei mitten in Deutschland.
Das ist ein absoluter Meilenstein des Artenschutzes und hätte (insbesondere auch von der Zooseite aus) als solcher beleuchtet werden können. Die Tatsache, dass hier, nach erfolgreicher jahrzehntelanger Gefangenschaftszucht, mit allergrößter wissenschaftlicher Akribie eine aktive Wiederansiedlung erfolgte, geht über die meisten ängstlichen und halbherzigen Wildtiermanagementmaßnahmen in Deutschland weit hinaus und ist Grund genug, mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend zu laufen, insofern man daran irgendwie teilgehabt hat.
Doch allein, der als Zoovertreter geladene Jörg Adler, war mit seinen Gedanken viel zu weit weg: In Vietnam. Das Artenschutzengagement des Münsteraner Zoos in Vietnam ist unglaublich wichtig, aber darum ging es in dieser Diskussion nicht, man hätte den Zoo auf seine Rolle als Vervielfältiger bedrohter Arten festlegen können und dann hätte man über Zoos in dieser Sendung gar nicht mehr reden brauchen, sind sie doch ein Thema für sich (was sie gefühlt vor Äonen der Geschichte von „Hart aber fair“ auch schon mal waren und mal wieder werden könnten, aber eben nicht in einer Sendung zu diesem Thema). Dennoch gab Frank Plasberg Jörg Adler eine Steilvorlage, indem er fragte, ob denn so viele Tiger in Deutschen Zoos nötig seien. Diese Steilvorlage für die Argumentation, dass es vom Sibirischen Tiger mehr Individuen in Menschenhand gibt, als im ach so sicheren Freiland und dass das für den Sumatratiger noch viel wichtiger wäre, wurde leider nicht verwandelt, auch wenn Hannes Jaenicke später versuchte, darüber nachzudenken, ob es nicht besser wäre, Orang-Utans zunächst im geschützten Umfeld überleben zu lassen, als sie auf ewig zu verlieren.
Insgesamt war die Diskussion weder produktiv (was diese Talkshows grundsätzlich ja wohl auch nicht bezwecken) noch abstoßend emotional, was bei der Anwesenheit von zwei Vegetariern, einem Jäger, einem Zoodirektor und einem Bergsteiger, der die Berge mit niemandem teilen mag, durchaus wohltuend war.

Dagegen ist das Sich-Ausziehen-Wollen der PETAner und -innen (vermutlich sind es aus Gründen der höheren Öffentlichwirksamkeit mehr von letzteren) als Protest gegen Delphinarien, vor dem Hintergrund, der in jüngster Zeit vermehrt stattfindenden, feministisch und menschenrechtlich motivierten Präsentation nackter Tatsachen nur noch falsch und zeugt von mangelnder gesamtgesellschaftlicher Reflexion!

Carsten SchöneBerlin, den 01.05.2013



____________

Quellen: