Von Einfalt und Vielfalt

Ich will ohne Tiere nicht leben.
Ich könnte es vermutlich.
Doch ich bin bekennender Egozentriker und auch wenn ich dabei - sofern man dann Richard Dawkins Glauben schenken darf - eventuell nur ein Hampelmann meiner Gene bin, befinde ich mich damit auf der Artenebene in millionenfacher, größtenteils recht guter Gesellschaft.
Weil ich nicht ohne Tiere leben will und dabei menschentypisch maßlos bin, reichen mir die Tauben, Krähen, Füchse, Kaninchen, Zitterspinnen, Hausstaubmilben und andere regelmäßig in meinem, aus meiner Sicht eher unnatürlichen Lebensumfeld vorkommenden Geschöpfe (ich bin ein Großstadtbewohner) nicht aus.
Ich bin Tierhalter.
Ich teile meine 65 qm „Heim erster Ordnung“ mit allerhand Viechern, die sich dort nicht freiwillig aufhalten.

Mein Streifenhörnchen hasst mich im Herbst derartig, dass es sich wünschen würde, ich würde wiederum seinem Heim erster Ordnung nicht zu nahe kommen, weil es mich für einen Vorratsschädling hält. In diesen Momenten würde es gerne bleiben, wo es ist, mich würde1 es aber gerne loswerden.
Ab dem Frühjahr ist er wieder handzahm, dann fällt ihn2 jedoch die Wanderlust an und obwohl er keine stereotypen Verhaltensweisen an den Tag legt, was darauf hindeutet, dass er wohl ausreichenden Bewegungsraum zur Verfügung gestellt bekommen hat, würde ich keine Haselnuss darauf verwetten, dass er zurückkäme, wenn ich ihn in dieser Zeit durch die offene Balkontür hinausließe, in die Weiten Charlottenburgs3.
Dieses Hörnchen ist mein Gefangener.
Ich habe kein schlechtes Gewissen dabei.
Er bereichert mein Leben!

Wenn ich erführe, dass der Bestand von Tamias sibiricus (so nennen ihn die Wissenschaftler) zusammenzubrechen drohe, ich würde ihm gestern noch ein Weibchen zur Verfügung gestellt haben und seine Nachkommen zur Auswilderung freigeben!
So weiß ich aber, dass seine Art zum einen nicht bestandsbedroht ist und er selbst als Individuum, wiederum arttypisch, den Großteil des Jahres ein stinkstiefeliger Einzelgänger ist, der, wenn er denn in diesem Zeitraum ein Weibchen in seinem Revier vorfände, dieses lieber blutig beißen, als stilvoll verwöhnen würde.
Ein paar Tage im Jahr fehlt meinem Hörnchen tatsächlich etwas: Sex!
Ich habe ihm erklärt, er sei ein katholischer Priester, seitdem findet er das o.k.

Menschen unterliegen in dieser Gesellschaft definitiv mehr Beschränkungen, als mein Hörnchen, die sind nur manchmal anders gelagert als seine. Menschen können aber das Problem haben, dass sie täglich darüber nachdenken müssen, ob sie bereit und in der Lage sind, diese Einschränkungen zu ertragen. Meinem Hörnchen bleibt das erspart.
Weil es Menschen gibt, die nicht bereit sind, bestimmte Beschränkungen zu akzeptieren, wollen Sie nicht ohne Tiere leben und geben deshalb eine Menge Geld dafür aus, dass die Tiere dort, wo sie ursprünglich herkommen, weiterhin bleiben können. Sie sind damit der lebende Beweis, dass folgende Formel stimmt: Die Begegnung mit unseren Mitgeschöpfen und die daraus resultierende Faszination, zwingt Menschen dazu, dafür zu sorgen, dass sie ihnen weiterhin begegnen können. Aussterben in Würde, würden sie kein Tier lassen wollen!

2010 ist das Jahr der Artenvielfalt!
Ich selbst bin als Egozentriker bekennender Anhänger der Artenvielfalt, sowohl in meinen vier Wänden4, als auch draußen in dem, was wir oft in ungehöriger Menschenferne „Natur“ nennen, als auch im Zoo5.
Ich freue mich auf das Jahr der Artenvielfalt in unseren Zoologischen Gärten. Es gibt kaum einen besseren Ort, dieses zu zelebrieren, außer vielleicht direkt im Amazonasregenwald, unten beim Great Barrier Reef, am Horn von Afrika oder gleich ganz oben auf dem Dach der Welt, ich fürchte nur, wir bekommen meine Nachbarin, den Busfahrer der Linie M21, meine Großtante, deren Arbeitskollegen, meinen Zeitungszusteller, dessen Hausarzt und seine Sprechstundenhilfe nicht dort hin - in einen Zoo gehen die durchaus!

Möge es Erfolge feiern, das Internationale Jahr der Biodiversität!

Hoffnungsvoll
Ihr
Carsten SchöneBerlin, den 01.02.2010



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1Das Wort „würde“ kommt in diesem Text so häufig vor, weil das gleichlautende Substantiv eine nicht unerhebliche Rolle darin spielt.
2Es ist ein männliches Hörnchen und heißt Monty, weil es nach dem Grafen von Monte Christo benannt wurde. Der war ein berühmter Ausbrecher, wie Sie sicherlich wissen, liebe Leser, aber diese Geschichte (also die vom Hörnchen, nicht die vom Grafen) die erzähle ich Ihnen lieber an einem anderen Ort.
3Berliner Stadtbezirk
4+5Solange gewährleistet ist, dass die Vielfalt dort nicht in besitzheischendes Artensammeln ausartet, nachvollziehbar ist, wo die, zu der Vielfalt gehörenden Individuen herkommen und darüber hinaus selbige Vielfalt tiergerecht dargeboten wird. Dass das mit der Tiergerechtigkeit dabei wiederum ein Thema für sich ist und mit Gummi, aber auch mit Draht, Glas, Beton oder auch allem gleichzeitig zu tun haben könnte, dürfte klar sein - mehr dazu lesen Sie (mit großer Wahrscheinlichkeit) in einer späteren Ausgabe auf www.zookritik.de.

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