Tot oder lebendig

Im Zusammenhang mit der gerichtlichen Verwarnung von Mitarbeitern des Magdeburger Zoos wegen der Tötung von nicht unterartenreinen Tigerjungtieren gab es am 17.06.2010 auf dem online Portal news.de einen Artikel mit der Überschrift „Beschämend und skrupellos“. Sie finden diesen Artikel hier:

http://www.news.de/gesellschaft/855061568/beschaemend-und-skrupellos/1/

Ich düpiere nur ungern schreibende Kollegen und noch weniger gerne schreibende Kolleginnen, aber anhand dieses Artikels lässt sich sehr schön beleuchten, wo die Probleme der Zoos zwischen Selbstdarstellung, öffentlicher Wahrnehmung und tatsächlicher Aufgabenerfüllung derzeit liegen.

In besagtem Artikel heißt es:

„Weil die Tiere nicht reinrassig und daher nicht für die Zucht geeignet waren, haben Verantwortliche des Magdeburger Zoos drei Tigerbabys eingeschläfert.“

Soweit, so doch nur beinahe richtig. Hier ist zu beachten, dass wir es nicht mit einem Hundezüchterverband zu tun haben, dem Reinrassigkeit vor Gesundheit geht, sondern um einen Zoo, der Unterartenreinheit im Sinne des Arterhalts gewährleisten wollte. Über die Bedeutung von Unterarten mögen andere streiten, die Anpassungsunterschiede bei Tigern sind enorm und diese Variabilität, die sich auch im Habitus bemerkbar macht, gilt es zu erhalten.

Weiter heißt es im Text: „Das beweist, dass Zoos oft Zuchtanstalten sind und keine Orte, an denen Tiere artgerecht leben.“

Was wäre das schön, wenn die Zoos noch konsequenter genau jene Arten und gerne auch Unterarten züchten würden, die es wirklich nötig haben und ihnen dafür den Platz zur Verfügung stellen würden, den sie verdienen. In der Realität sitzt manch vermeintlich publikumsattraktive Art, Unterart oder Unterartenmixtur auf der Planstelle eines wirklich kritisch bedrohten Genossen und wird dann zwar oft tiergerecht, aber eben nicht artgerecht gehalten, weil es der Art so gar nichts nützt, wenn irgendwelche Mischlingslöwen mit möglichst üppiger Mähne beispielsweise der asiatischen Unterart den Platz wegnehmen. Es wäre höchst wünschenswert, wenn jedes Gebäude im Zoo genau das wäre: Ein ZUCHTHAUS - für bedrohte Arten!

Und schließlich kommt die moralische Keule:

„Gerne betonen Zoodirektoren ihre Verantwortung gegenüber dem Artenschutz und rühmen sich mit ihren Erfolgen. Taten wie das Einschläfern der Magdeburger Tiger zeigen, dass sie im Grunde jedoch weder Respekt vor der Schöpfung noch Verantwortungsgefühl gegenüber der Kreatur haben. Und wer sich das vor Augen führt, für den wird der nächste Zoobesuch - falls es überhaupt noch dazu kommt - sicherlich alles andere als vergnüglich.“

Da wird es ein bisschen eng. Tatsächlich gibt es im Bezug auf das Thema Artenschutz im Zoo eine Menge Augenwischerei. Hier besteht Handlungsbedarf. Respekt vor der Schöpfung (oder für die biologischen Puristen: vor der Evolution) wird gerade dadurch ausgedrückt, das man nicht einfach irgendwelche Publikumslieblinge hält, sondern bestrebt ist, die oben schon erwähnte Vielfalt, die heute so schön Biodiversität heißt, zu erhalten.

Die Verantwortung gegenüber der Kreatur ist in diesem Zusammenhang erheblich schwerer abzuwägen. Der vernünftige Grund, den das Tierschutzgesetz vorsieht, ist schwer greifbar. Ich persönlich habe große Probleme, ein gesundes Tier über die Klinge springen zu lassen, wenn dadurch nicht essentielle Bedürfnisse anderer Tiere (inklusive des Menschen) befriedigt werden (Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Rothunde Tigerjungtiere nur töten oder auch verspeisen.). Populationsmanagement kann bedeuten, Individuen aus der Fortpflanzungsgemeinschaft auszuschließen, ob das final geschehen muß, ist diskussionswürdig. Ich selbst möchte nicht die Entscheidung darüber übernehmen, welches Tier einer simulierten Mortalität zum Opfer fallen muß und wie man am hier vorliegenden Fall sieht, sind unsere Gerichte mit der Erörterung solcher Fragestellungen auch hoffnungslos überfordert. Vielleicht sollte ein nationaler Ethikrat einberufen werden, der verbindliche Regeln erarbeitet und in Zweifelsfällen eine demokratische Entscheidung fällt. Nur, was für Leute berufen wir in ein solches Gremium? Mir würden spontan nur eine Menge Menschen einfallen, die ich dort drin überhaupt nicht sehen möchte.

Es verbleibt mit Zweifeln,
Ihr
Carsten SchöneBerlin, den 01.07.2010