Zürich

Als Beinahmongole aus der Sonnenaufgangsstadt schaffe ich es nicht sehr häufig in die Schweiz - auch nicht mal eben auf dem Weg in einen Mittelmeeranrainerstaat, weil ich dort auch nicht oft bin. Das letzte Mal war ich vor über zehn Jahren in der Schweiz und habe es nicht über Basel und Zürich hinausgebracht und auch diesmal bin ich nicht weitergekommen.
Erheblich weitergekommen sind in dieser Zeit aber die Zoos der beiden Städte.

Aufgrund der beinahmongolischen Herkunft, hege ich eine besondere Beziehung zu Schneeleoparden. Die hielt man in Basel schon nach oben offen, als andere noch der Meinung waren, eine derartig sprunggewaltige Katze benötigt um sich herum, in allen Himmelsrichtungen, Gitter.
Nun wusste ich, das Zürich zwischenzeitlich für Schneeleoparden gebaut hatte und die letzte Neuerung, die ich aus dem Zoo Zürich kannte, war die wegweisende Brillenbärenanlage - ich war entsprechend erwartungsfroh.

Die Brillenbärenanlage war wegweisend im Sinne von „Weg“, obwohl sie auch wegweist, „weg“, von schlechten Bärenanlagen, die es auch heute noch gibt.
Die Züricher Brillenbärenanlage ist von vorne bis hinten derartig durchdacht, dass es auch heute noch eine Freude ist, die darin lebenden Bären zu beobachten. Die Dreiteilung der Anlage, deren Einzelgehege sich von den Stallungen her flexibel belegen und mittels schwenkbarer Brücken zusammenschalten oder separieren lassen, ist auf alle Eventualitäten von Bärenleben ausgerichtet.
Die Vergesellschaftung der Brillenbären mit Nasenbären war und ist für beide Arten gewinnbringend und entpuppte sich als Exportschlager (Zooverantwortliche übernehmen gern und häufig funktionierende Konzepte von Kollegen, anstatt sich selbst welche auszudenken, da muss ab und an mal die Frage gestellt werden: „Wer hat`s erfunden?“).
Aus Besuchersicht herrscht weitgehendes Natursurrogat auf Kunstfelsbasis, das aber niemanden erschlägt. Mäandernde Wege mit verschiedenen Non-Crossing-Views erlauben großzügige, aber nicht entprivatsphärisierende Einblicke. Auch eine menschliche Andenbewohnerhütte als Ausguck, die mir nun nicht unbedingt gefehlt hätte, fehlt nicht. Eine einzige Tieranlage macht hier aus mehreren Blickwinkeln immer wieder aufs Neue neugierig auf Bewohner, deren Bestand im Freiland bedroht ist.
So muss gute Zootierhaltung aussehen.

Die Latte (und ich hoffe inständig, Sie denken jetzt nicht gerade an macchiato) lag also hoch!
Seit meinem letzten Besuch ist viel dazugekommen: Anlagen für besagte Schneeleoparden, für Löwen, Tiger, Mongolische Wölfe, Dscheladas, Pantanalbewohner (noch nicht fertig) , etwas, das sich „Zoolino“ nennt und als Letztes in dieser Aufzählung, aber ganz bestimmt nicht das Letzte: Die Masoala-Halle (Offiziell: „Masoala Regenwald im Zoo Zürich“). Weihnachten und Ostern fanden für mich also Mitte November zeitgleich statt, was ja aber noch lange nicht heißen muss, das auch alle Geschenke gut ankommen.

Fangen wir hinten an: Masoala.
Masoala ist die (beinahe) konsequenteste Tropenhalle, die mir bislang begegnet ist: Wie in einem richtigen Dschungel sieht man keinesfalls auf Anhieb irgendwo irgendein Tier. Dagegen ist das Leipziger „Gondwanaland“ einfach nur ein Zoo unterm Foliendach. Ich weiß nicht einmal, ob es eine gute Idee wäre, einen Baumkronenpfad in die Masoala-Halle hineinzubauen. So etwas gibt es in Wäldern nun mal nicht von Natur aus.
Zur Haltung bestandsbedrohter Arten sind mir Anlagen, die eine bessere Überwachung der Bewohner ermöglichen, nach wie vor lieber (Vögel und Säugetiere der Masoala-Halle sind zwar trainiert, regelmäßig in rückwärtigen Volieren aufzutauchen, doch wenn ein Tier das nicht mehr kann oder will, dann ist es dem helfenden Zugriff entzogen.), wenn man sich aber in Mitteleuropa ein Stück Regenwald angucken will und die Schildkrötenanlage ausblendet, ist man in der Masoala-Halle besser aufgehoben, als in manch Anderem, das so tut, etwas Ähnliches sein zu wollen.

„Zoolino“ lassen wir aus mehreren Gründen (einer heißt: Präriehund) links liegen und steuern auf das Semien-Gebirge zu. Hier offenbart sich das Dilemma, das alle nach der Brillenbärenanlage entstanden Gehege haben: Sie sind keinesfalls schlecht, erreichen aber bei weitem nicht den Standard der Brillenbärenanlage.
Eine mindestens zweigeteilte Anlage, wie ich sie aus dem Naturzoo Rheine vor Augen habe, hätte die Kombination Steinbock und Dschelada erfolgversprechender sein lassen können: Eine steindominierte Gebirgsanlage, in der die Steinböcke, dann auch in kopfstärkerer Gruppengröße, von den Dscheladas besucht hätten werden können und eine zweite, steinbockfreie Bergwiese zum Grasen für die Paviane mit der blutenden Brust.
So blutet einem das Herz ob der eintretenden Erosion, obgleich die natürlich tolle umweltpädagogische Ansatzpunkte bietet...

Machen wir einen Sprung und landen bei Löwe, Schneeleopard, Tiger und Wolf.
Keinesfalls bin ich ein Anhänger von Präsentiertellergehegen, aber die gewollten Einblicksmöglichkeiten in die Tiger- und in die Wolfsanlage sind so rar gesät, dass man an einem normalen Novembersonntag Kinder wegschubsen müsste (was natürlich niemand ernsthaft in Erwägung zieht), um Tiere zu sehen. Bei den Löwen haben sich die Besucher aus gleichem Grund selbsttätig, durch Verdrängung von Vegetation, einen neuen Einblick (nun aber durchs, von offizieller Seite verpönte, Gitter) verschafft - ein Zeichen dafür, dass die Besucher gerne mehr von den Löwen sehen würden, als ihnen zugestanden wurde.
Die gelungenste Anlage in diesem Komplex ist tatsächlich die nach oben offene Schneeleopardenanlage. Ein schönes Stück Abhang, teils echt teils künstlich, bietet ein gefälliges Himalayaambiente und die Einblicke durch (Kunst-)Felsnischen sind erheblich (bio)logischer, als der Blick aus der Wellblechdachhütte am Löwengehege.

Das Beste an der Haltung der Raubtiere in Zürich, die allesamt bedrohten Arten oder Unterarten angehören, sind allerdings die begleitenden Maßnahmen: Verschiedenste Methoden, das Futter darzubieten (Futterkisten mit Zufallsgenerator, rotierende Scheiben als Serviertablett, Seile zum Tauziehen, manipulierbare Verstecke und vieles mehr) garantieren stereotypiefreie Tiere.
Wenn hier auch manch geplante Vergesellschaftung nicht erfolgreich war (Löwe plus Alexandersittich / Löwe plus Zwergotter) zeigen diese Versuche doch, dass man sich in Zürich nicht auf einmal erworbenen Lorbeeren ausruht.
Dass die Wölfe ab und an das Gehege der Tiger durchstreifen dürfen, ist eine unglaublich gute Idee, die die Interessengemeinschaft artgerechter Raubtierschutz (IGAR) e.V. dem geneigten Publikum im RaubtierPark-Konzept zwar schon lange vorher unterbreitet hat („Wer hat`s erfunden?“), aber das macht die Idee ja nicht schlechter!

Alles, was in Zürich neu gebaut wurde, weckt den dringenden Wunsch, auch die Tiere, die noch in Altanlagen leben, in solchen oder besser noch, in brillenbärenanlagenanalogen Gehegen zu sehen. Die nächsten Bewährungsproben heißen Pantanal und Kaeng Krachan Elefantenpark.

Der Zoo Zürich ist jeden Besuch wert - lassen Sie keinesfalls ein Jahrzehnt bis zu Ihrem nächsten vergehen.

Ihr
Carsten SchöneBerlin, den 23.11.2011




P.S.:
Basel folgt.

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