Doch nochmal Gondwana

Ob ein Kaninchen ohne Ohren vielleicht ein noch besserer Werbeträger für eine tiergärtnerische Einrichtung sein könnte, als zwei (beinahe) weiße Jaguare, braucht aus gegebenem Anlass nicht mehr erörtert werden und was ich davon halte, dass der Nochdirektor des Tierparks Neumünster an seinen beiden Stühlen klebt, habe ich bereits am 15. Juni 2011 verkündet, insofern kann ich jetzt ohne Umschweife zum versprochenen Teil der heutigen Ausgabe übergehen:

Ein nicht zoobezogener Zufall führte mich kürzlich nach Leipzig und in einem Anflug von Langeweile besuchte ich erneut „Gondwanaland“. Die Erlebnisse dieses Besuches bewogen mich dazu, hier doch noch einmal detailliertere Gedanken über die Tierpräsentation von „Gondwanaland“ auszubreiten:
Ein Drehkreuz passierend, dass vermutlich zählen darf, wie beliebt das „Gondwanaland“ bei den Zoobesuchern statistisch gesehen ist, finde ich mich in einem, die Parthe überbrückenden Laubengang wieder, der schon allein wegen seiner Länge Hoffnungen weckt. Hoffnungen auf die versprochene Tropenerlebniswelt.
Am Ende des hölzernen Weges durchschreite ich eine Tür, wie man sie von Kaufhauseingängen kennt, kurz dahinter stehe ich auf einem weichen Boden, der Bilder zeigt, die Blubberblasen darstellen, welche auf die Schritte der Besucher reagieren, indem sie dort, wo jene auftreten, um so heftiger blubbern.
Derartige Effekte nutzt die Museumspädagogik gerne und insbesondere dort, wo sie sich mit neuen Medien beschäftigt. Hier am Eingang zu „Gondwanaland“ soll, wie mir zuvor zu Ohren kam, flüssige Lava nachgeahmt werden, die unter den Füßen der Besucher brodelt. Ich habe eine staatlich anerkannte rot-grün-Sehschwäche und bin auf einem Ohr taub - vielleicht sah und hörte ich die Lava aus diesem Grunde nicht ernsthaft kochen ...
Nach der Lava begegnet mir ein urzeitlicher Fisch, der trotz des in Vulkanen herrschenden Mikroklimas kein Räucherfisch ist - er wirkt recht munter, auch wenn sein Aquarium in dieser Dimension auch in Stuttgart, Düsseldorf, Berlin oder Frankfurt stehen könnte, hier besitzt es zumindest einen schicken Kunstfelsrahmen in Form eines ganzen Stollens.
In seiner Nähe steht so etwas wie eine Lore – so ein Kohlebergwerkstransportteil.
Fossiler Fisch - fossiler Brennstoff!?
Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich mich bei diesem Besuch gerade so benehme, wie ein ganz normaler Zoobesucher, ich überfliege Texte auf Schildern nur oder ignoriere sie gleich völlig.
Es kommen noch ein paar Fische, ich wähne mich folglich auf einer Unterwassertour, als ich unvermittelt vor einem Tinamu stehe. Er steht im Trocknen.
Danach bleibt es erst einmal trocken, wird aber dunkel. So dunkel, dass man von einem Tüpfelbeutelmarder der dunklen Variante, zunächst nur die hellen Punkte seines namensgebenden getüpfelten Felles sieht, die wie eine Ansammlung matter Glühwürmchen durch das nicht unbedingt unübersichtliche Gehege schweben – ein faszinierender Anblick, den zu entdecken aber nur die wenigsten Besucher die Muße haben.
In den nächsten zwei Gehegen turnen hauptsächlich Tierpfleger herum und lassen das Licht aus den rückwärtigen Pflegerbereichen in den Stollen gleißen - das lässt sich während eines Tierpflegerarbeitstages nicht vermeiden, für ein unverfälschtes Stollenerlebnis könnte ich ja einen Zweitrundgang unternehmen.
Verlässt man den Stollen, steht man ... im Dorf.
Hier heißt es nun, sich orientieren, also doch Schilder lesen, damit man weiß, wo es langgeht. Die Frage, die sich stellt, ist: Erst Rundgang machen, Bootstour unternehmen oder gleich ins asiatische Marché einfallen?
Ich entscheide mich für die Bootstour, bezahle 1,50 € und stelle erst im Boot sitzend fest, dass ich nicht darauf geachtet habe, ob sich dem Besucher tatsächlich erschließt, dass dieses Geld, wie ich ebenfalls zuvor gehört hatte, zweckgebunden für Artenschutzmaßnahmen eingesetzt wird.
Die Multivisionsshow, die auf dem ersten Abschnitt der Bootstour gezeigt wird, ist ambitioniert, wartet mit einigen wirklich schönen visuellen Effekten auf, bleibt aber zwangsläufig und besonders zum mahnenden Ende hin reichlich plakativ.
Mit der Schlussankündigung, dass wir nun einige faszinierende Geschöpfe persönlich kennen lernen können, werden wir unter ohrenbetäubendem (nur zur Erinnerung: ich bin auf einem Ohr taub) Vogelgezwitscher vom Band ins nun erstmals bewusst wahrzunehmende Grünzeug entlassen.
Hier empfängt uns: Stille.
Kein Tierlaut zu hören weit und breit. Das bleibt während der ganzen Fahrt so und wird auch an Land nicht anders. Der Regenwald in Leipzig schweigt.
Gesehen habe ich aus dem Boot heraus genau zweieinhalb Tiere: Das Hinterteil eines Tapirs und zwei Enten.
Wieder im Dorf angekommen, geht es zu Fuß weiter.
Auf dem Fußweg soll sich die Aufteilung der Halle in drei Kontinentteile erschließen.
Gestartet wird in Südamerika, ich hangele mich im Folgenden am offiziellen Lageplan entlang.
Auf der begehbaren Totenkopfinsel sehe ich zwei Affen, die von drei Zoomitarbeitern mit Blumenspritzen zu besucherfreundlichem Verhalten animiert werden. Wer freilaufende Affen aus Apenheul kennt, fühlt sich auf dieser Insel arg beengt, den Affen steht glücklicherweise eine zweite zur Verfügung.
Der Ozelot ist nicht zu sehen, es sei ihm gestattet, er ist ein Raubtier, soll er schlafen. Sein Gehege ist das, was ich im Laufe meines Rundgangs von den meisten Gehegen denken werde (und auch schon beim Erstkontakt ohne Tierbesatz so empfunden habe): hübsch begrünt aber sonst ziemlich konventionell.
Die Unterwassereinblicke für verschiedene Reptilien, Fische und Riesenotter, die folgen, hinterlassen einen nachhaltig eckigen Eindruck und das Piranhabecken vor dem Riesenotterbecken gab es so auch schon in Dortmund, wirkte dort schon gewollt und nicht gekonnt, in der Halle, in der wir uns gerade befinden, ist es geradezu aufreizend mickrig.
Sobald ich aus der sogenannten Amazonasgrotte auftauche, wobei ich mich spätestens hier erneut frage, welchen Gesetzmäßigkeiten die nachgestellten Gewässer im „Gondwanaland“ gehorchen, sehe ich in einer nach vorne offenen, in einem Klettergerüst hängenden Kiste ein wenig bräunliches Fell, das einem Faultier gehören könnte.
Die Riesenotter sind nicht zu sehen, sie sind mit Jungtieraufzucht beschäftig, das ist grandios und spricht bei der Störungsanfälligkeit dieser Tiere für ihre Unterbringung. Ihnen wäre dennoch ein Wasserbecken zu wünschen gewesen, das nicht nur an einer Seite von Land flankiert wird. Der üppig begrünte Landteil soll sich, dem Einblick des Besuchers verborgen, um die Ecke fortsetzen. Ich hoffe das sehr.
Krallenaffen, die sich von Riesenottern nicht fressen lassen, begegnen mir nicht.
Dort, wo der Ozelot nach Eröffnung des “Gondwanalandes“ an der obersten Ecke seines Geheges Besucher zu sich ins Gehege ziehen konnte, befindet sich jetzt ein Astgewirr, das Fleischwunden sowie übermäßiges Starren auf Katzen von oben verhindert.
Ein bisschen Gegend später unterschreite ich ein Schild, auf dem steht: Afrika.
Das bedeutet dann wohl: You are leaving the southamerican sector.
Im nächsten Gehege sitzen: Agutis.
Die Südamerikaner halten sich offensichtlich nicht an Ländergrenzen und müssen den Serval gefressen haben, den uns der interaktive Lageplan (siehe untenstehenden Link) verspricht - gefährliche Viecher!
Als nächstes schlage ich den Baumwipfelpfad ein. Ich mag Hängebrücken, insbesondere wenn Loris auf ihren Geländern herumturnen und Plattformen in luftiger Höhe begeistern mich, mehr noch, wenn pfeilschnelle Finken an mir vorbeiflitzen und Palmenhörnchen in benachbarten großblättrigen Gewächsen herumturnen. Doch hier oben lebt nichts, was Blut in den Adern hätte, man sieht nur Pflanzen!
Den Baumwipfelpfad dort verlassend, wo man ihn betreten hat, kann man sich jetzt wieder Afrika widmen.
Afrikanische Affen und Dikdiks sind nicht sichtbar.
Zwergflusspferde schon, die stehen auf einem gelblichen Estrich, den ich so akkurat waagerecht gegossen in Afrikas Urwäldern nicht vermutet hätte (ohne jetzt afrikanischen Handwerkern zu nahe treten zu wollen). Die Buntbarsche in der Unterwassereinsicht der Zwergflusspferde sind hübsch anzusehen.
Der Wasserfall wirkte schon während der Bootsfahrt nicht sehr natürlich, von oben wird es nicht besser. Winkerfrösche von denen eine Infotafel berichtet (die mir aus unerfindlichen Gründen ins Auge gefallen ist), gibt es im nächsten, unmotiviert mitten im Fels steckenden Terrarium nicht, aber Rotaugenlaubfrösche. Ich habe das Porträt eines Rotaugenlaubfrosches auf meinem Klodeckel (gekauft in einem national bekannten Heimwerkermarkt) - rede mir niemand schlecht über Rotaugenlaubfrösche!
Nachdem hier wenigstens das annähernd natürliche Geräusch rauschenden Wassers zu hören ist, kann ich jetzt sehr deutlich einen sehr natürlichen Geruch wahrnehmen: Katze. Die Fischkatze ist munter, sie dreht Runden, hat aber nicht besonders viel Platz dafür.
Schlafende Zwergotter zu sehen bedarf schon großen Glückes - es ist mir hold.
Das Tapirgehege war bereits vom Boot aus betrachtet, ein irgendwie unstrukturierter Fremdkörper, der auch nicht so recht als Urwaldlichtung durchgehen will - von oben bleibt der Eindruck.
Eine Voliere beherbergt flugfähige Vögel, Hornvögel - die würden gerne die vielen Kleinsäuger, Amphibien und Insekten fressen, die in der Halle unterwegs sein könnten, deshalb brauchen sie ein Separee. Hier erinnere ich mich jetzt, dass ich auf meinem ganzen zurückliegenden Weg durch das „Gondwanaland“ unglaublich viele Spinnenweben in den Pflanzen sah.
Kommen noch Gaviale, Borneoflussschildkröten, Komodowarane. Alles spannende Tiere, leider werde ich mit vielen schuppigen Kaltblütern nicht so richtig warm, es sei denn, sie sind in der Lage Menschen zu fressen, ... egal.

Vielleicht habe ich einfach nur einen schlechten Tag erwischt, im „Gondwanaland“.

Ihr
Carsten SchöneBerlin, den 15.03.2012



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