Von riesigen Ottern, riesigem Tamtam und Leipzig

Mit Riesenottern ist nicht zu spaßen und wer meint, ein Riesenotter, der auch gerne mal einem Kaiman erklärt, wem der Fischbestand in seinem Fluss-Altarm gehört, dürfe keine Fleischstücke aus Menschen herausreißen, der beliebt zu scherzen.
Der Großteil der deutschen Riesenotteranlagen ist alles andere als perfekt, ein defekter Zaun ist Mist, ein verletzter Mensch ist mehr als das und den heute in Menschenhand befindlichen Riesenotterbestand auswildern zu wollen, zeugt von mehr, als nur geringem Sachverstand.
Die komplexe Sozialstruktur der Riesenotter erlaubt eventuell die Freilassung von Einzeltieren, denen es möglicherweise gelingen mag, an den bestehenden Gruppen vorbei zu überleben oder gar mit einem weiteren Einzeltier anderen Geschlechts in einem ungünstigen Randterritorium einen neuen Familienverband zu gründen, die Idee aber, die Familienverbände, die heute dankenswerterweise in Zoologischen Gärten leben, mit den Familienverbänden, die heute im Freiland noch dort leben, wo Riesenotter überhaupt noch leben können, in Konkurrenz bringen zu wollen ist … freundlich gesagt: Humbug!
Nun zu schlussfolgern, dass wir die Tiere, wenn wir sie derzeit ohnehin nicht auswildern können, auch im Zoo nicht brauchen, ist eine Sichtweise, die ist derartig kurzsichtig - in der Argumentationskette hilft uns auch der Brillenkaiman nicht weiter.
Schließlich haben wir sie doch da endlich, die Tiere, die den Zoo wirklich brauchen und von denen gerade ein paar (oder war es ein Paar) Schlaumeier behauptet haben (oder hat), im Tierpark Schönbrunn gäbe es zu wenige davon. Sie haben (oder es hat) ja recht, ein Wiener Tiergarten, der Große Pandas hat, aber keine Riesenotter - das ist schon ein bisschen peinlich.

Eine irgendwie auch peinliche, weil unbefriedigende, aber eben auch logische Fortsetzung dessen, was bisher in Leipzig realisiert wurde, ist das, was dort Mitte dieser Woche als „Masterplan 2020“ vorgestellt wurde.
Das ist allenfalls ein Bachelor-Plan: Wie bislang schon, bemächtigt man sich erneut ungeniert solcher Ideen, die Andere lange zuvor hatten, bläst sie mit der inzwischen hinlänglich eingeübten Leipziger Arroganz zu einem Popanz auf, der die Besucher ganz gewaltig beeindruckt, dem Tier aber wenig Innovation zu bieten hat.
Der „erste begehbare 360° Unterwassertunnel“ gehört in diese Kategorie. In Schönbrunn gibt es, auch wenn man dort diesen unverzeihlichen Fauxpas mit den Riesenottern begeht, eine kleine Dunkelkammer in der es eine Glasscheibe anstelle des Fußbodens gibt - darunter flitzen Robben entlang.
Manchmal ist weniger mehr!

Ihr
Carsten SchöneBerlin, den 15.06.2012



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Quellen: