Biodiversitätszentren oder die Frage: „Was hat der Zoo im Feuilleton1 zu suchen?“

Die Antwort vorweggenommen lautet: Nichts!
Und die eigentlich wichtige Frage ist, wie kam er dahin?
Die Geschichte der Zoos ist am ambivalenten Erscheinungsbild der Neuzeit maßgeblich mit schuld und deshalb fange ich hinten an:

Letztlich fußen Zoologische Gärten auf der Menagerie-Idee, d.h. irgendein adliger und vermögender (beides ging und geht nicht zwangsläufig Hand in Hand) Mensch schaffte sich im besten Fall aus ästhetischen Gründen, im schlechtesten Fall fürs reine Amüsement ein paar mehr oder weniger exotische Tiere an. Die Bedürfniserfüllung der Insassen war relativ nebensächlich.
Als man den Adel von den Entscheiderposten entband, wahlweise durch Enthauptung einiger prominenter Vertreter, und das Bürgertum die Macht übernahm, wurden Menagerien fürs Volk zugänglich gemacht – das war die Geburtsstunde der Zoologischen Gärten.
Nun hatte Mensch genügend Sorgen mit sich selbst, die Bedürfniserfüllung auf der tierischen Seite war weiterhin eher nebensächlich, jedem Bürger sollte aber Zugang zu den Tieren offenstehen und da Brot und Spiele Opium für das Volk sind, durfte ein Besuch im Zoo auch gerne mit Kulinarik und mehr oder weniger anspruchsvollem kulturellem Rahmenprogramm einhergehen.
Als das Bürgertum sich den Vornamen „Bildungs-“ gab, besann man sich auf die Möglichkeit den Tieren ihre Geheimnisse zu entlocken – es wurde geforscht!
Mit zunehmendem menschlichen Wissen über die Tiere veränderten sich auch die Haltungsbedingungen – wenn auch langsam.
Trotz, zwischen den jetzt nicht mehr „Käfig“ sondern „Gehege“ genannten Tierunterkünften umherschleichender Wissenschaftler blieb der Zoo ein Ort für bunte Veranstaltungen aller Art und den Konsum zweifelhafter Lebensmittel und legaler Drogen.
Ein konsequentes Umschwenken hin zur Wissenschaftlichkeit hat es nie gegeben - auch wenn sich der Verband deutscher Zoodirektoren so nannte, wie er sich nannte.
Als in den 1960er Jahren einige Rufer in der Wüste mahnten, die Zoos müssten sich dem Artenschutz widmen, weil die Vielfalt im Freiland massive Einbußen hinzunehmen habe, wurde diese neue Aufgabe - wenn auch langsam (ich muss mich an der Stelle leider wiederholen) zu den anderen bereits wahrgenommenen hinzugefügt. Zeitgleich wurden weiterhin Pfingstkonzerte veranstaltet, Pommes frittiert und alkoholische Getränke ausgeschenkt.
Ein konsequentes Umschwenken hin zum Artenschutz hat es in den meisten Tierbeständen der Zoos nicht gegeben.
Die Wissenschaft wurde schließlich in der Neuzeit weitgehend dem Sparzwang geopfert und die Zoos, die ja augenscheinlich schon immer Freizeiteinrichtungen waren, wurden dem Wirtschaftlichkeitsdiktat unterworfen.
Das Ergebnis ist der sogenannte Erlebniszoo und der findet sich nicht im Feuilleton wieder, weil er etwas Neues wäre, sondern weil die Geschichte der Zoos dahingehend eine Geschichte von verpassten Chancen ist.
Ab 2014 heißt der „Verband Deutscher Zoodirektoren“ „Verband der Zoologischen Gärten“2 - das ist eine Rolle rückwärts. Im Jahre 2014 hätte die Umbenennung auf „Verband der Biodiversitätszentren“ lauten müssen!
Und, um nicht missverstanden zu werden: Bier und Kartoffelprodukte kann man auch in einem Biodiversitätszentrum guten Gewissens zu sich nehmen, solange sie vorne „Bio-“ heißen.

Ihr
Carsten SchöneBerlin, den 01.07.2014



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1http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/tierrechte-gegen-schaulust-dem-zoo-geht-es-an-den-kragen
2http://www.muenster-journal.de/2014/06/verband-deutscher-zoodirektoren-beschliesst-neuen-namen