„Sind Zoos und Erhaltungszucht noch im Einklang?“*

Unter dieser Überschrift veröffentlicht Roland Wirth, der Gründer der ZGAP einen unglaublich wichtigen Artikel in einem Medium, das mit einer Auflage von 1500 Exemplaren nicht gerade Massen erreicht, aber eine ganz wichtige Zielgruppe, wenn es um das Thema Artenschutz im Zoo geht.

Roland Wirth ist alles andere, als ein Krawallbruder, für meinen Geschmack zeigt er normalerweise eher Symptome eines übersteigerten Harmoniebedürfnisses, wenn dann einer wie Roland Wirth, dem die Zoos schon immer viel Nachhilfe in Sachen ex-situ-Artenschutz zu verdanken haben, einen solchen Artikel verfasst, den man gut und gerne einen Brandbrief nennen darf (wenn man nicht Roland Wirth heißt) dann sollte man sich einen solchen Text sehr genau ansehen.

Und wenn Sie, liebe Leser das tun, dann werden sie vieles wiederfinden, was sie auch hier auf diesen Seiten finden können, nur eben aus viel berufenerem Munde. Bei mir rennt Roland Wirth offene Türen ein.
Die Tatsache, dass es die Zoologischen Gärten nie geschafft haben, als hauptsächlich wissenschaftliche Einrichtungen wahrgenommen zu werden, gipfelt heute in dem Diktat der Wirtschaftlichkeit, das einhergeht mit inflationären Neubauten für große Tiere, die den vorher von kleinen, braunen Tieren (wie sie schon Gerald Durrell genannt hat) genutzten Platz plattmachen. Für mich war das Kleinsäugerseminar von BDZ und BGA im letzten September noch einmal ein Augenöffner. Ich selbst war gebeten worden, einen Vortrag zu halten und dachte zunächst: Kleinsäuger? Was hab ich den mit denen zu tun, die sind doch für mich nur Raubtierfutter. Nun sind per Definition von Klaus Rudloff, all jene Säuger Kleinsäuger, die die Kleinsäugerenthusiasten dazu erklären, damit also auch eine Menge kleine Raubtiere und wie es um die in unseren Zoos bestellt ist, das können sie an der Anzahl von Erdmännchengehegen in deutschen Zoos festmachen. Bei meiner Recherche für diesen Vortrag, stellte ich fest, dass Kleinsäuger die keine Erdmännchen sind, heute größtenteils (bis auf einige rühmliche Ausnahmen) nur noch Untermieter in von Großsäugern bewohnten Anlagen sind.
Erhaltungszucht für Kleinsäuger ist in solchen Schaugehegen nicht machbar.
Das Wirtschaftlichkeitsdiktat schlägt dann ein zweites Mal zu, weil die Zucht der vermeintlich nicht publikumswirksamen Arten hinter den Kulissen so personalintensiv ist, dass auch hier der Kahlschlag regierte.
Will man Kleinsäuger in Populationen managen, dann muss man innerhalb kurzer Zeiträume Generation auf Generation folgen lassen und das heißt, dass man viele Unterbringungsmöglichkeiten für ein und dieselbe Art zur Verfügung stellen muss, um bei den Generationsfolgen im Flow zu bleiben. Die wollen alle gereinigt werden und die Bewohner wollen alle gefüttert werden und das alles, ohne dass der Besucher daran teilhaben kann und darf – wobei man ihn ja lassen könnte...
Roland Wirth beklagt in diesem Zusammenhang (in seinem Fall bezogen auf die Vogelhaltung) einen Verlust an Wissen und Kompetenz.
Das scheint mir generell eines der größten Probleme der Zukunft der Menschheit zu werden, tradiertes Wissen wird nicht weitergegeben, weil Homo sapiens neuerdings mehrheitlich lieber mit dem Finger über Touchscreens wischt, als nach Verarbeitung im Wald gefundener Beeren und Kräutern die Küche zu wischen.
Da es keine Schwarzflügelstar-Fütterungs-App gibt, braucht man hier Humankapital und da verweist Roland Wirth darauf, dass es engagierte Einzelkämpfer sind, die heute dazu beitragen, Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren, und solche müssen nachwachsen - auch hier muss die Generationsfolge stimmen.
Also muss der Zoo selbst Artenschützer ausbilden und er muss aufhören, ein Spielplatz mit Puscheltierbegleitung zu sein - weltweiter Artenschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und kein Klamauk und der muss finanziert werden! Gerne gemäß dem Subsidiaritätsprinzip, das da sagt, dass der Staat erst dann eingreifen soll, wenn kleinere gesellschaftliche Einheiten (wie Familie, Vereine, Kirchengemeinden o.ä.) es nicht schaffen, eine gesellschaftliche Aufgabenstellung zu bewältigen. Nun wird das Subsidiaritätsprinzip heute an vielen Fronten mit Füßen getreten, ist man doch neuerdings z.B. der Meinung, der Staat könne Kinder, je früher desto besser, in seinen Institutionen besser erziehen, als Eltern das vermögen, nun dann: Staat kann Artenschutz auch viel besser, also her mit der Knete für die kommunalen Zoos!

Carsten SchöneBerlin, den 15.12.2015



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*Arbeitsplatz Zoo, 26. Jahrgang, Heft 3/2015, Seiten 15-18